Evangelische Versöhnungsgemeinde
Bremen - Sebaldsbrück

Die Geschichte der Versöhnungsgemeinde

 

Seinen Namen – ursprünglich „Seggelsbrugge“ oder „Seggesbrock“ – verdankt der Ortsteil im Osten der Stadt einer Brücke, die über einen Wasserlauf führte. Sie war insofern von großer verkehrstechnischer Bedeutung, als die alte Heerstrasse von Bremen nach Hamburg sie überqueren musste. Nahe bei ihr lag der „Sattelhof“. Hier wechselten die Fernreisenden ihre Pferde. Daran erinnert noch heute eine Straße in der Umgebung der Kirche. 

Seit der Gründung von Oberneuland, 1181, hat Sebaldsbrück zu dessen weit nach Süden ausladendem Kirchspiel gehört. Erst 1834 kamen die Evangelischen zur Horner Gemeinde. Die Vahrer Strasse war der Verbindungsweg. Wegen der erheblichen Entfernung gab es jedoch kaum Zweifel, dass Sebaldsbrück über kurz oder lang kirchlich von Horn unabhängig werden würde. Faktisch ist dies 1938 geschehen, allerdings unter „illegalen“ Voraussetzungen. Damals entstand in dem Ortsteil eine größere Siedlung. Nach dem Willen des „Landesbischofs“ Weidemann wurde sie – wie ähnliche Neubaugebiete in Gröpelingen und Osterholz – mit einer Art Gemeinschaftshaus ausgestattet, das auch als Kirche zu benutzen war. Diese und die beiden anderen Bauten sind zur gleichen Zeit, am Ersten Advent 1938, auf den Namen „Dankeskirche“ eingeweiht worden. Die harmlose Bezeichnung freilich hatte es in sich. Weidemann ließ in gleichlautenden Einladungsschreiben wissen: Die drei Kirchen seien gebaut „aus Dankbarkeit gegen Gott für die wunderbare Errettung unseres Volkes vom Abgrund des jüdisch-materialistischen Bolschewismus durch die Tat des Führers“. Obendrein sollte die Sebaldsbrücker Kirche den Namen „Horst Wessels“ erhalten – zum Gedenken an den Pfarrerssohn und „Märtyrer“ der nationalsozialistischen Bewegung. Bürgermeister Böhmcker wusste diese „untragbare Anmaßung der Kirche“ unter Berufung auf das „Gesetzt zum Schutz der nationalen Symbole“ zu verhindern, und der zur Einweihung gebetene Führer und Reichskanzler sagte seine Teilnahme auffallend knapp und ohne Begründung ab.

 


Das Gemeinschaftshaus, durch 18 Bombeneinschläge in seiner näheren Umgebung während des Krieges beschädigt, wurde 1945 instandgesetzt und wieder in Gebrauch genommen. Die Zahl der Gemeindeglieder schnellte in die Höhe, im Gebiet des Rennplatzes und vor allem in der benachbarten Vahr nahm die Wohndichte zu. So gingen dann wenige Jahre nach der 1948 legalisierten Selbständigkeit der Sebaldsbrücker Gemeinde weiter Zentren aus ihr hervor.

Dem von Peter und Ruth-Elisabeth van Beeck mit viel Kunstverstand ausgestatten Gemeindehaus (1957) folgte 1964 der Bau der „Versöhnungskirche“. Das winklige Grundstück und der heikle Untergrund über einem alten Kolk, Sumpfloch aus früheren Überschwemmungen, stellte Prof. Gerhard Müller-Menkens vor ungewöhnlichen Schwierigkeiten. An der Stelle der unbrauchbar gewordenen „Dankeskirche“ musste das neue Gotteshaus auf neun Meter tiefes Pfahlwerk gesetzt werden. Der winkligen Fläche gewann der Architekt einen dreieckigen Grundriss ab, der in den Baukörpern durchgehalten ist und ebenso originell wie überzeugend wirkt. Hier hat sich, von Pastor Dr. Karl Hansch (1945-1970) bis in die Gegenwart reges Gemeindeleben entfaltet. Besonders bekannt geworden ist der Einsatz der „Versöhnungsgemeinde“ für die „Casa Materna“ unterhalb des Vesuvs bei Neapel. Seit 1905 hat dieses mit Landwirtschaft, Schule und Klinik ausgestattete Haus etwa 14.000 verwaiste und kranke Kinder aufgenommen.

1966 wurde die unter hundertjährigen Eichen und Weiden liegende „Versöhnungskirche“ eingeweiht. Der neue Name ist nicht nur eine entschiedene Absage an den Ungeist der „braunen“ Ära. Er ist ein biblisches und mitmenschliches Programm, dem sich die Gemeinde verpflichtet weiß. Wir betreten die Kirche durch eine flache Eingangshalle (Keramikwand: Annelott Höge) neben dem vierstöckigen Turm, in dem sich eine Taufkapelle und ein offener „Posaunen-Balkon“ befindet. Der Gottesdienstraum, durch ein bleiverglastes farbiges Lichtband (Ludwig Schaffrath) erhellt, lenkt mit seiner Dreiecksgestalt die Konzentration auf den Altar. Das mit Gold und Edelsteinen verzierte Kreuz ist eine Arbeit von Klaus Luckey. Beim Verlassen der Kirche werfen wir einen Blick auf die Turmspitze. Sie ist, nach dem Entwurf von Prof. Gerhart Schreiter, mit einem Sinnbild der Versöhnung versehen: zwei kupfergetriebenen offenen Kugelschalen, die durch ein Kreuz zusammengehalten werden.

Aus: Vom Abraham bis Zion